Ich bin Grafik Designer, du auch?

Gast-Beitrag von Sabine Held vom DesignStudio SAM7

Ich bin Dipl.-Kommunikations-Designerin und stolz darauf. Punkt.

Bis vor einigen Jahren war dieser Beruf mit Ausbildung, Kreativität und Erfahrung verknüpft. Hinzu kamen Talent und Leidenschaft. Aber in den letzten Jahren habe ich viele neue Kollegen bekommen. Nachbarn, Bekannte, Verwandte und Freunde wurden zu Grafikern oder Designern. Erstaunlicherweise sogar nebenberuflich oder nur nebenbei am Abend für Freunde und Familie. Manchmal aber auch in Ergänzung ihrer sonstigen Geschäftsfelder. So wird der Webdesigner sehr schnell zum Grafiker, ebenso der IT-Dienstleister, der Coach und der Architekt. Habe ich alles schon erlebt.

Meine Kollegin aus der Beratung, Ute Schmeiser, in deren Werbe-Blog ich meine Meinung kundtun darf, nennt es scherzhaft den CorelDraw-Effekt. Jeder, der einen Computer mit einem Grafik-Programm besitzt, wird zum Designer. Das geschieht im Moment der Installation, sozusagen automatisch. Ähnlich wie man zum Texter wird, wenn man schreiben kann.

Nur so nebenbei: Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, gibt es im Internet kostenlose (!) Logos über Portale, die Vorschläge zu Typo, Farbe und Effekten machen. Diese werde ich an dieser Stelle nicht verlinken!

Neben der fragwürdigen Qualität, der eingeschränkten Beratungsleistung und dem verminderten kreativen Ansatz sind es die Preise, die mir und meinen Profikollegen den Spaß an der Arbeit vermiesen. Natürlich kann ich als diplomierte Kommunikationsdesignerin nicht mithalten, will ich auch gar nicht. Aber genauso natürlich üben diese „Kollegen“ einen großen Reiz auf Kunden aus. Ist ja auch klar, wie soll der Kunde aus dieser vermeintlich homogenen Masse einen kompetenten Ansprechpartner finden? In Zeiten der Krise zählen voerwiegend niedrige Preise.

Zum Preisverfall kommt die sinkende Wertigkeit des Berufes. Der Unternehmer bekommt Design an jeder Ecke. Daraus schließt er, dass es ja gar nicht so schwer sein kann mit dem Design-machen. Die Leistung des Grafik-Designers wird minderwertiger beurteilt. Ich habe deshalb auch immer öfter mit Kunden zu tun, die es selbst einmal versuchen. Wenn ich Glück habe, „darf“ ich es dann optimieren, aber meist nicht.

Mein Plädoyer: Bleibt bei Eurem erlernten Beruf und überlasst dem Friseur das Haare schneiden, dem Chirurg das Schnippeln und dem Komunikations-Designer das Grafik-Design. Punkt.“

Mit welchen Argumenten könnt Ihr professionelles Design verkaufen?
Wer kämpft noch gegen Möchtegern-Kreative (Text und Design)?
Freue mich über Kommentare.

 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Martin sagt:

    Ich gebe dir vollkommen Recht, Quereinsteiger, Ungelernte etc. senken durchaus die Preise und für Kunden ist Qualität nicht unbedingt immer gleich ersichtlich.Da fällt mir dann immer nur John Ruskins Zitat "„Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte,…" ein!Argumente, um Kunden zu überzeugen, heißt bei mir Aufklärungsarbeit betreiben. Warum hat Webdesign, bzw. Webentwicklung einen bestimmten Preis.Manche verstehen es, andere nicht…

  2. Das hast du sehr schön auf den Punkt gebracht. Ja, in der kreativen Branche gibt es leider viele selbsternannte Profis. Manche beherrschen ihr Handwerk tatsächlich, viele jedoch nicht. Dummerweise haben viele Kunden kein Auge für gutes Design und lassen sich von teilweise katastrophaler Qualität überzeugen. Beim Texten ist es nicht anders.Gegen solche Anbieter zu kämpfen, bringt allerdings nicht viel. Ich sage mir immer: Sollen diese Dienstleister doch mit jenen zusammenarbeiten, die alles möglichst billig haben wollen. Die Kunden, denen Qualität wichtig ist, finden schon den Weg zu den richtigen Leuten.In Deutschland gibt es einen riesigen Markt für billige Texte. In der Schweiz eher weniger. Aber egal wie tief die Preise in einem bestimmten Segment sinken: Wirklich gute Grafiker und Texter sind schwer zu finden, und es gibt immer noch genügend Kunden, die bereit sind, für Qualität zu bezahlen. Eine echte Konkurrenz sind untalentierte Billig-Grafiker und -Texter also nicht.

  3. Sabine Held sagt:

    Danke für Eure zustimmenden Worte – liefen mir quasi wie Öl runter. @Martin Mit der Aufklärungsarbeit ist das immer so eine Sache. Leider sind viele Kunden beratungsresistent und die lasse ich dann lieber zur vermeintlichen Konkurrenz laufen. Letztendlich wie @Barbara sagt, gibt es Kunden für uns Profis 😉 und Kunden für die anderen. Und manchmal kommen Kunden nach schlechten Erfahrungen dann doch (reumütig) zurück.Frohes kreatives SchaffenSabine

  4. Schepper sagt:

    Hallo und guten Abend,ich bin so ein Quereinsteiger (halte mich nicht für den besten Grafiker, aber für einen der es besser hin bekommt als andere) und möchte ein paar Dinge kommentieren. Zu dem Preisen: Ich denke es ist wichtig, dass es auch bezahlbare Werbung für den Laden nebenan gibt. Sicher, in einer perfekten Welt wären alle bereit einen Stundensatz von über 100 Euro zu zahlen wie es bei anderen Berufsgruppen üblich ist, aber leider ist das nicht der Fall. Das totale Preisdumping machen wir auch nicht mit, schließlich leben wir davon, aber gerade auf dem Land sind den Preisen Grenzen gesetzt. Ein Teil meiner Kunden könnte ohne Onlinedruckereien und günstige Stundensätze gar keine Werbung machen.Letztendlich bestimmt der Markt, ob Du Dein Geld bekommst. Wer besser ist, bei dem sind professionelle Firmen auch bereit mehr Geld zu zahlen. Wenn der 12 jährige Sohn einer Tante des Gärtners genauso gut ist für seine 20 Euro, dann wird es eng. Wenn Du besser bist als alle Quereinsteiger: Super!Dann kommt es nur darauf an die richtigen Kunden für den Preis den Du haben willst zu finden. Und das ist ein Problem was viele reinen Grafik Designer haben: Sie verkaufen tolle Grafik, haben aber Probleme sich selbst zu verkaufen. Da gibt es einige die in Schönheit sterben. Die reine Ausbildung allein ist für mich sowieso kein Argument. Ich kenne etwa genau so viele gelernte Kollegen wie Quereinsteiger, bei denen ich mit dem Kopf schüttele wenn ich sehe was sie fabrizieren. Das einzige was zählt ist Leidenschaft, Weiterbildung und Ehrgeiz. Letztens hat wieder ein Kollege die Segel gestrichen, weil seine Designs und Webseiten so waren wie er sie in der Ausbildung mal gelernt hat… nur war das vor gefühlten 100 Jahren.Die Wertschätzung der Kunden leidet imho am meisten darunter, dass viele denken der Computer macht das doch von allein. Dafür hat man das teure Ding mit den teuren Programmen da. Meine Erfahrung ist, dass die Kunden immer wieder erstaunt sind wenn sie mal daneben sitzen und zuschauen. Kunde am Telefon "machen Sie mir doch schon mal 4-5 Entwürfe für die Website fertig"… "Aber das dauert schon 4-5 Stunden pro Entwurf" Kunde: "Wirklich? Nein, ich meine nur grobe Entwürfe, höchstens 10 Minuten pro Entwurf" … ohne Worte…Daran ist aber kein Quereinsteiger Schuld, sondern Technik-Unverständnis und die Tatsache, dass die Kunden immer weniger bereit sind für Dienstleistungen zu zahlen. Denn: Wenn sie etwas in die Hand nehmen können, dann geben sie Geld aus. Oder für den Benz, der auf dem Hof steht, den können sie anfassen, der hat Wert. Ein Design, gerade bei einer Website, das ist was virtuelles, das hat keinen Wert. Genau wie die Musik auf dem Rechner, für die keiner mehr Geld ausgeben will wie zu Zeiten der Schallplatte, die Zeitung die man kostenlos lesen kann im Internet und die Pornos die kostenlos zu finden sind. Also nicht an Allem sind die Quereinsteiger schuld. 😉

  5. Martin sagt:

    Die Erfahrung zeigt sicherlich auch, dass es für (fast) alles einen Markt gibt. Also sowohl für den Quereinsteiger wie für den Akademiker, für den Neffen des Nachbarn wie für den Berufserfahrenen, für den Anspruchsvollen mit reichem Budget ausgestatteten Kunden wie für die kleinen Laden nebenan mit geringstem Budget….Jeder Designer muss da wohl seinen Platz / Nische finden und glücklich werden…Und ich gebe dir recht: Quereinsteiger sind nicht schuld an irgendwas, sondern ein Teil eines großen Puzzles namens freie Marktwirtschaft….

  6. Ute Schmeiser sagt:

    Hallo, danke für Eure Kommentare @Schepper und @Martin.@Schepper. Das waren wirklich wahre Worte, dass der Kunde mal schnell ein paar Entwürfe möchte und nicht dahinter erkennt, welcher Aufwand (kreativ und technisch) dafür notwendig ist. Leider können die meisten Grafiker sich nicht verkaufen (kenne ich aus meinem Netzwerk zur Genüge) und bekommen dann eigentlich nicht das Geld, dass sie wert sind.Der Gastbeitrag von Sabine Held ging auch nicht gegen Quereinsteiger generell, im Gegenteil. Wenn jemand Talent für diesen Beruf hat und ihn erlernen möchte, ist es nie zu spät dafür (meine persönlche Meinung). Es kommt eben auf die Professsionalität und das lebenslange Lernen an. Allerdings gibt es leider doch noch viele Möchtegern-Grafiker, mit denen ich bisher leider nur schlechte Erfahrungen gemacht habe. @Martin. Der Markt ist natürlich vorhanden, da gebe ich Dir recht. Und gerade für Gründer kann das Logo von der Freundin oder dem Schwiegersohn eine echte Alternative seiin. Und (professionelle) Quereinsteiger sind mir lieber als Menschen, die alles können, vom Auto reparieren bis zum Bad fliesen oder einen Flyer entwickeln.Ist übrigens ein heißes Thema, dass merke ich an den doch recht vielen Kommentaren im Vergleich zu den andern Blog Post. GrußUte Schmeiser

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